Männerdepression: Tabu kostet Leben

Lebenskrisen können Depressionen auslösen

Depression behandeln © © pixelio.de / gerd altmann

Männer weinen nicht – Depression bei Männern wird oft ignoriert .

Sprichworte wie „Indianer kennen keinen Schmerz“ haben einen hohen Preis: Männer tun sich schwer dabei, Gefühle auszudrücken und Hilfe anzunehmen – was sie bei Lebenskrisen viel leichter in die Depression stolpern lässt. Der Bayreuther Psychiater Manfred Wolfersdorf hat dazu gemeinsam mit Constanze Löffler und Beate Wagner im Buch „Männer weinen nicht. Depressionen bei Männern“ Goldmann http://bit.ly/ThCFrT  das Phänomen umrissen, das bisher selbst von der Fachwelt meist ignoriert oder verdrängt wird.

Kranke Gesellschaft

Depression ist nur auf den ersten Blick weiblich: Zwar kommen bei dieser Störung zwei Frauen auf einen Mann, doch steigt beim vermeintlich „starken Geschlecht“ die Suizidgefahr mit dem Lebensalter weitaus schneller als bei weiblichen Patienten. Vielfach wird das Problem jedoch übersehen – nicht zuletzt deshalb, da Männer von sich aus seltener Hilfe in Anspruch nehmen als Frauen. „Viele therapieren sich selbst – durch übermäßig viel Sport, Aktivismus oder Alkohol, was häufig in die Hose geht“, so Wolfersdorf.

Typisch „männliche“ Aktivitäten wie exzessiver Sport, risikofreudiges Autofahren oder regelmäßiges Trinken können somit auch Anzeichen einer Depression sein – zusätzlich zu Aggressivität und Gereiztheit sowie den Grundsymptomen wie Niedergeschlagenheit, Verlust von Freude und Antrieb, Grübeleien und Hoffnungslosigkeit. Die Mentalität der Generation der heute 50- bis 60-Jährigen spielt hier wesentlich mit, vermutet der Experte. „Männer, die psychisch krank sind, leiden in dieser Gruppe unter hoher Stigmatisierung.“

Dass sich die Situation künftig automatisch bessert, bezweifelt Wolfersdorf, sind doch auch bei Jüngeren die erschwerenden Faktoren zahlreich: Leistungsorientierung, hohe Mobilität sowie der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit und Kommunikation, der „letztlich vereinsamen lässt“.

Neue Fragestellung

Obwohl das Problem der hohen Sterblichkeit depressiver Männer weithin bekannt ist, stecken alle Männer-spezifischen Ansätze für die Behandlung der Krankheit noch in den Kinderschuhen. Erst nach der Jahrtausendwende wurde das Thema gezielt als Fragestellung begriffen, allem voran durch die Gendermedizin und Suizidforschung. Bloß drei Gruppen widmen sich in Deutschland speziell dem Gebiet „Mann und Psyche“, neuerdings auch die Stiftung Männergesundheit mit einem Fokus auf Depressivität, Sucht und Suizidalität.

Praktische Ärzte sollten bei Warnsignalen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Gewichtsverlust nicht nur an Krebs denken, rät der Bayreuther Mediziner. Auf Männer abgestimmte Prävention ist hingegen noch ferne Zukunftsmusik. Dabei gibt es einige Faktoren, die besonders helfen können: „Arbeit und Beziehung haben für Männer hohe Bedeutung. Ist nur eine Seite davon in Gefahr, kann die andere Schutz bieten“, sagt Wolfersdorf. Besonders günstig sind auch Gratifikationen und Wertschätzung, die das Selbstwertgefühl stabilisieren, sowie das Erlernen der Fähigkeit, über Probleme zu sprechen.

pte

 

13 Kommentare

  1. Dem schließe ich mich gern an. In der eigenen Familie sehe ich täglich die Folgen davon, dass Männer ihre Sorgen nicht aussprechen und somit verdrängen wollen. Depressionen und Burn-Out sind hier nur Ausdruck des Körpers, dass es so nicht weitergehen kann.

  2. Wirklich sehr aktuelle Problematik! Auch wenn Männer heute eher „weibliche“ Seiten an sich zeigen dürfen, ist der Druck trotz allem weiterhin hoch, gerade im Beruf. Depressionen sind für Betroffene oft gleichbedeutend mit Aufgeben und Schwäche und werden deshalb verschwiegen.

  3. Ich bin schockiert, dass es nur so wenig Organisationen in Deutschland gibt, die sich der Prävention psychischer Störungen beim Mann widmen. Ich spreche sicher für viele, wenn ich sage dass ich vollkommen überrascht wurde von den Diagnosen einiger Männer in meinem Bekanntenkreis. Die haben sich nichts anmerken lassen und sich niemandem anvertraut bis es eben nicht mehr ohne Hilfe ging…

  4. Ich denke auch, dass gerade die Frühwarnzeichen erkannt werden und Möglichkeiten aufgezeigt werden sollten, wie man sich als Mann Hilfe suchen kann, ohne als schwach abgestempelt zu werden. Sich nicht stigmatisieren lassen zu wollen ist ja auch verständlich, aber Depressionen kann man eben nicht auf eigene Faust heilen. Lg, Andrea

  5. Also mal ehrlich… Depressionen sind ein wichtiges Thema, gerade heute! Aber da solche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen finde ich nicht hilfreich. Prävention sollte beim Menschen ansetzen, und zwar bei Männern und Frauen gleichermaßen -meine Meinung.

  6. @peter: Im Artikel werden ja einige Punkte genannt, die gerade bei depressiven Männern zu beachten sind, daher finde ich es schon sinnvoll hier zu unterscheiden. Wir Männer sind nun einmal weniger geübt darin, unsere Gefühle auszusprechen und uns Hilfe zu holen. Das ist nicht zu vernachlässigen!

  7. Sehe ich leider auch so @Gerhard. Da kann die Gesellschaft noch so weit entwickelt sein, trotzdem wird automatisch das Bild eines starken, beschützenden Mannes entstehen, zumindest irgendwo im Hinterkopf. Ich finde da muss eine Unterscheidung sein.

  8. Es ist ja auch ein total großes Problem in vielen Partnerschaften oder Ehen. Wenn Mann nicht ehrlich über seine Gefühle sprechen kann, wie soll sich Frau denn dann fühlen? Da ist es auch schwer in ernsten Fällen wie Depressionen helfen zu können.

  9. Nur weil ein Mann über seine Gefühle spricht gilt es noch lange nicht als unmännlich. Ich finde ja, es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen einem offenen/ehrlichen Mann, der natürlich auch Gefühle hat und einer wehleidigen Heulsuse.

  10. Sehr guter Ansatz @Ruth. Eine gute Bekannte hat mehrere Jahre in einer Ehe verbracht, und der Patner litt unter Depressionen ohne, dass sie es gemerkt hat. Es kam von ihm auch nie ein konkretes Wort darüber.
    Raus kam das alles erst Jahre nach der Trennung.

  11. Schade, dass es dann so ein Ende finden muss.
    Ein bisschen mehr Ehrlichkeit und Vertrauen könnte oft so viel verändern..

  12. Es braucht eben Zeit, bis so ein Paradigmenwechsel überall ankommt. Die Jüngeren leben diese neue Offenheit teilweise schon aus, aber bei uns Älteren beginnt der Wandel gerade erst :-)

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