An manchen Orten geht das Licht nie aus

Wechseldienste bringen die innere Uhr aus dem Takt

In Krankenhäusern geht das Licht nie aus ©obs/Biologische Heilmittel Heel GmbH/CharlottaUlrikh/Thinkstock/Getty

Arbeiten, wenn andere schlafen, bedeutet Schichtarbeit und Nachtarbeit mit gesundheitlichen Folgen.

Jeder Sechste arbeitet derzeit in Schicht oder schichtnahen Diensten. Das kommt auch der Allgemeinheit zugute. Ohne Schichtarbeit wären viele Waren nicht produzierbar. Pflege-, Dienst- und Sicherheitsleistungen wären nicht denkbar. Schichtarbeitende Menschen leisten daher einen unschätzbaren Beitrag für unser aller tägliches Wohl. Doch dafür zahlen viele von ihnen einen hohen Preis. Denn Schichtarbeit und Wechseldienste bringen oft die innere Uhr aus dem Takt. Schlafstörungen und gesundheitliche Beeinträchtigungen können die Folge sein.

Zahlreiche Studien zeigen

Bei Schichtarbeit treten psychosomatische Beschwerden, körperliche Erkrankungen und psychische Störungen häufiger auf. Auch ein Zusammenhang zwischen Schichtdienst und Magen-Darm-Erkrankungen, Bluthochdruck, einem erhöhten Cholesterinspiegel und Diabetes ist belegt. Das berichtete Professor Dr. med. Göran Hajak, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Sozialstiftung Bamberg bei der Pressekonferenz anlässlich des bundesweiten Tags der inneren Balance 2018 in München.

Dr. phil. Dipl.-Psych. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster, betonte: Jede Art von Schichtarbeit hat auch spezifische Auswirkungen auf den Schlaf. Eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse belegt dies eindrucksvoll. Demnach leiden 40 Prozent aller Schichtarbeiter an schlechtem Schlaf. Nach Nachtschichten ist die Schlafdauer am geringsten. Der Schlaf zeigt dann mehr Unterbrechungen und weniger Tiefschlafphasen. Andererseits ist laut Weeß der Schlaf bei Frühschichten oft zu kurz, oberflächlich und wenig erholsam.

Schichtarbeit besser bewältigen

Doch wie lässt sich den Folgen von Schichtarbeit gegensteuern? Indem man sein Schlafdefizit bereits vor Arbeitsantritt minimiert. Englische Wissenschaftler empfehlen deshalb, am Morgen vor einer Nachtschicht ohne Wecker auszuschlafen und am Nachmittag – am besten zwischen 14 und 18 Uhr – ein kleines Nickerchen von 60 bis 90 Minuten zu halten. Eine Studie (1) zeigte, dass sich so die Schläfrigkeit während der Nachtschicht verringert.

Grundsätzlich kann eine gute Schlafhygiene zu einer besseren Schlafqualität beitragen. Die Umgebung zum Schlafen nach der Schicht sollte dunkel und ruhig sein. Feste Rituale vor dem Zubettgehen erleichtern das Einschlafen. Den Konsum von Koffein und Nikotin sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Nicht empfehlenswert ist die Einnahme von synthetischen Schlafmitteln.

Was kann man tun, um nach einer Serie von Nachtschichten das „Schlafkonto“ wieder aufzufüllen? Am besten nach Schichtende 90 bis 180 Minuten schlafen, dann in den normalen Tagesablauf übergehen und am Abend wieder den gewohnten Schlafrhythmus aufnehmen.

Erkenntnisse aus Chronobiologie und Arbeitsmedizin

Führende deutsche Arbeitsmediziner raten: Bei der Gestaltung von Schichtplänen sollten auch Erkenntnisse aus der Arbeitsmedizin, der Chronobiologie und der Arbeitswissenschaft stärker berücksichtigt werden. Denn heute weiß man: Für Spättypen („Eulen“) sind Frühschichten besonders belastend. Frühtypen („Lerchen“) kommen dagegen mit Spätschichten schlecht zurecht. Grundsätzlich sollte auf eine Nachtschichtphase eine möglichst lange Ruhephase folgen – keinesfalls weniger als 24 Stunden. Weeß: „Studien zeigen, dass im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge Verhaltensinterventionen und Präventionsprogramme positive Effekte auf den Schlaf, die Wachheit und Schichtakzeptanz haben können.“

Kostenlose Stress-Helpline

Bei erhöhten seelischen und körperlichen Belastungen durch den Schichtdienst kann die kostenlose und anonyme Stress-Helpline 08000-142842 eine wertvolle Hilfe sein. An jedem Donnerstag zwischen 17 und 19 Uhr stehen hier auf das Thema Stress spezialisierte Ärzte und Psychologen den Anrufern persönlich zur Verfügung.

Der Tag der inneren Balance wurde 2012 ins Leben gerufen und findet seither jedes Jahr am 10. Oktober statt. Motto in diesem Jahr: „Arbeiten, wenn andere schlafen?! Schichtarbeit, Nachtarbeit und die Folgen“. Ziel des Thementages ist es, das öffentliche Bewusstsein für die gesundheitlichen Auswirkungen von Anspannung, Stress und Schlafstörungen zu schärfen. Experten aus Wissenschaft und Praxis arbeiten eng zusammen und befassen sich intensiv mit diesen Themenfeldern. Weitere Tipps und Informationen gibt es unter www.tag-der-inneren-balance.de

Literatur:  (1) McKenna H, Wilkes M: Optimising sleep for night shifts. BMJ 2018; 360:j5637

Quelle: Pressekonferenz zum Tag der inneren Balance 2018, 29. August 2018,  München

ots

 

4 Kommentare

  1. Respekt an alle, die in Nachtschichten arbeiten. Ich bin mit meinem Zwei-Schicht-System schon gut überfordert und könnte mir nie vorstellen, gegen meine innere Uhr zu arbeiten und zu schlafen!

  2. Gut, dass es Aktionen wie den Tag der inneren Balance gibt. Auf die Risiken und gesundheitsgefährdenden Aspekte der Schicht- und vor allem Nachtarbeit hinzuweisen ist ein erster Schritt hin zu positiven Veränderungen!

  3. Vor der Nachtschicht mehr zu schlafen klingt sinnvoll. Aber ob viele Menschen es durchhalten, nach einer anstrengenden Nacht nur knapp 90 Minuten zu schlafen und dann den ganzen Tag durchzuhalten, um am Abend normal ins Bett zu gehen?

  4. Also ich habe da auch großen Respekt @Regina K.
    Vorallem bin ich ein Mensch, der nicht einfach so lange schlafen kann wie er sich gerade vornimmt. Einschlafen ist auch oft schwer.. Da wäre so ein Lebensstil unmöglich!

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